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Dieser Artikel erschien zuerst in den Polen-Analysen Nr. 104 (06.03.2012).

Annegret Haase, Leipzig
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Zabytkowa zabudowa, ul. Piłsudskiego (Wikipedia, Autor: bialagwiazda1906)

Der Blick auf die postsozialistische Stadt in Polen wird noch immer stark vom Modell der nachholenden Modernisierung geprägt und damit implizit von der Annahme mehr oder minder kontinuierlichen Wachstums. Stadtentwicklungswege »jenseits des Wachstums«, welche durch Bevölkerungsverluste, Alterung und multidimensionale Schrumpfungsprozesse charakterisiert sind, werden kaum diskutiert. In der Gegenwart vieler Großstädte Ostmitteleuropas und damit auch Polens bietet sich jedoch ein anderes Bild: Stadtschrumpfung wird hier seit den 1990er Jahren für viele Großstädte immer aktueller. Insbesondere altindustrielle Städte wie Łódź (Lodz) oder die oberschlesische Agglomeration sind davon betroffen, einige sogar bereits vor 1990. Im Zusammenhang mit den teilweise gravierenden Einwohnerverlusten entsteht allmählich auch eine Debatte um Stadtschrumpfung. Damit reihen sich die polnischen Städte in eine europäische Großstadtlandschaft ein, in der Schrumpfung mittlerweile zu einem »normalen« Entwicklungspfad geworden ist – internationalen Analysen zufolge schrumpften Mitte der zurückliegenden Dekade 40 % aller Städte über 200.000 Einwohner. Während im westlichen Europa viele schrumpfende Städte über eine jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit diesem Phänomen verfügen, traf das Thema Schrumpfung die polnischen Städte nach dem Umbruch unvorbereitet. Zunächst wurden Einwohnerrückgänge eher als Erleichterung wahrgenommen, da die Wohnungsmärkte in Polen nach wie vor von einem akuten Nachfrageüberhang gekennzeichnet sind. Die mit wirtschaftlicher Schrumpfung einhergehenden Arbeitsplatzverluste, die rasche Zunahme von Industriebrachen sowie die immer mehr um sich greifende Suburbanisierung wurden als unvermeidliche Folgen der postsozialistischen Transformation interpretiert. Mittlerweile stellt der Bevölkerungsschwund – zumal aufgrund seiner alters- und berufsgruppenbezogenen Selektivität – ein ernstes Problem für zahlreiche Städte dar. Strategien für den Umgang mit der Schrumpfung zu finden, ist eine aktuelle Anforderung an Politik und Planung geworden. In einigen Städten kommt es verstärkt zu selektivem baulichem Verfall und Leerstand, einer Zunahme brachliegender Flächen, für die keine Nachnutzung gefunden werden kann, einer Unternutzung der öffentlichen Infrastruktur, zu finanziellen Engpässen etc. Oft stehen wachsenden Problemen rückläufige Einnahmen durch Steuerbeiträge gegenüber. Vor diesem Hintergrund skizziert der vorliegende Beitrag die Situation der Stadtschrumpfung in Polen generell und bietet einen Überblick zu Zahlen und Trends sowie zu den Ursachen. Der Fokus richtet sich auf die Großstädte. Anhand der Fallbeispiele Sosnowiec (Sosnowitz) und Bytom (Beuthen) in Oberschlesien werden die Folgen der Schrumpfung und der Umgang damit in den betroffenen Städten thematisiert.

Themen wie der demographische Wandel spielen vor dem Hintergrund zunehmender Alterung und sinkender Geburtenraten auch in Polen mittlerweile eine prominente Rolle in Wissenschaft und Öffentlichkeit. Jedoch blieb das Echo seitens der Stadtforschung und der städtischen Praxis darauf bislang eher gering. Zwar gibt es Arbeiten, in denen von »demographischer Depression«, »Entvölkerung« oder »Entleerung« (kaum jedoch über »Schrumpfung« wie in Deutschland) gesprochen wird, doch bleibt das quantitative Wachstumsparadigma der wichtigste Bezugsrahmen von Stadtentwicklung. In den 1950er bis 1970er Jahren zählten Großstädte in Polen zu den Hauptgewinnern der Zuwanderung im Zuge der Industrialisierung. In den 1980er Jahren verringerte sich dieses dynamische Wachstum beträchtlich, vor allem als Folge wirtschaftlichen Niedergangs und einer demzufolge zurückgehenden Land-Stadt-Wanderung. Selbst die größten Städte wiesen nur noch geringe Zuwächse auf, einige stagnierten bereits. Textil- oder Bergbauzentren wie Lodz, Zabrze oder Beuthen hatten bereits vor 1989 immer wieder Einwohner verloren. Mit Beginn der postsozialistischen Transformation beschleunigte sich der Bevölkerungsverlust in den meisten Städten. Von 1990 bis 2009 verloren polnische Großstädte mit über 100.000 Einwohner insgesamt etwa 432.000 Menschen bzw. 4 % ihrer Bevölkerung, derzeit etwa vergleichbar mit der Größenordnung von Gdańsk (Danzig) oder Szczecin (Stettin). Zu den Verlusten trugen sowohl die berufsbedingte Abwanderung als auch ein zurückgehendes natürliches Bevölkerungswachstum aufgrund einbrechender Geburtenraten bei. Anders als in vielen anderen europäischen Ländern wurden diese Verluste nicht durch ausländische Zuwanderung aufgefangen – bis vor kurzem war Polen noch ein Land, das für ausländische Zuwanderer wenig attraktiv war. Jedoch hat sich dies spätestens seit dem EU-Beitritt im Jahr 2004 geändert. Zuwanderung spielt nunmehr eine wachsende Rolle, nicht nur in Warszawa (Warschau) oder Kraków (Krakau). Allerdings steht sie rein zahlenmäßig in keinem Verhältnis zur Abwanderung. Die Bevölkerungsverluste waren und sind vor allem in altindustriellen Städten ein Thema. So verloren zum Beispiel Lodz oder Kommunen im oberschlesischen Industriegebiet bereits seit Ende der 1970er bzw. Anfang der 1980er Jahre Bevölkerung. Durch den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturwandel nach 1989 beschleunigten sich diese Prozesse, denn neue »Motoren « wie Suburbanisierung und Abwanderung kamen hinzu. Die altindustriellen Großstädte waren in besonders starkem Maße betroffen: So verringerte sich die Einwohnerzahl in Lodz zwischen 1990 und 2009 um 12 %, in Katowice (Kattowitz) um 16 %, in Sosnowiec um 15 % oder in Beuthen sogar um 21 %. Diese Zahlen lassen Parallelen zu Entwicklungen in Ostdeutschland nach 1990 erkennen. Allerdings sind bislang keine vergleichbaren Wirkungen auf dem Wohnungsmarkt festzustellen. Wohnungsleerstände als Folge der Schrumpfung spielen in Polen noch kaum eine Rolle. Ein Abriss von Wohngebäuden findet nur aufgrund baulicher und technischer Mängel statt. Ausnahmen bildeten bislang die im Sozialismus stark gewachsenen Städte in den östlichen (und teilweise auch westlichen) Landesteilen – Städte wie Białystok, Lublin, Rzeszów oder aber Zielona Góra (Grünberg), die nach der Grenzverschiebung 1945 zu neuen Regionalzentren aufgestiegen waren und von der Industrialisierung profitiert hatten. Hier findet nach wie vor eine (vor allem junge bzw. jüngere) Land-Stadt-Wanderung statt oder aber die Bevölkerung bleibt zumindest weitgehend stabil. Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung polnischer Städte lassen sich zum einen aus Zensusdaten, zum anderen aus Registerdaten ermitteln. Diese stimmen jedoch nicht immer überein. Damit wird es schwierig, die tatsächliche Entwicklung zu erfassen, vor allem dann, wenn Realentwicklung und Statistik in unterschiedliche Richtungen zu laufen scheinen. Das betrifft insbesondere wirtschaftliche prosperierende Großstädte wie Warschau, Krakau, Poznań (Posen) oder Wrocław (Breslau), wo sich aus den Zahlen der Interzensusperiode ein Zuwachs erkennen lässt, während die Registerdaten eine Bevölkerungsabnahme für den gesamten Zeitraum veranschlagen. Für Warschau beläuft sich der Unterschied zwischen Zensus- und Registerzahl für das Jahr 2002 auf etwa 65.000 Einwohner, eine beträchtliche Zahl an »real existierenden« Einwohnern also, die erfasst wurden, ohne dass sie offiziell registriert waren. Für Krakau und Breslau lagen diese Zahlen bei 18.000 bzw. 7.000. Diese Entwicklung lässt sich damit begründen, dass die genannten Städte nicht zu den Zentren der Bergbau-, Schwer- und Textilindustrie zählten, die die größten Verluste zu verzeichnen haben, und dass sie gleichzeitig Universitäts- und Dienstleistungszentren ersten Ranges in Polen darstellen, die vor allem junge Zuwanderer anziehen, die sich jedoch häufig nicht registrieren lassen und somit in den Registerdaten nicht auftauchen, wohl aber beim Zensus. Schrumpfung beherrscht nicht nur die Gegenwart zahlreicher polnischer Städte – sie könnte auch in Zukunft ein wesentlicher, vielleicht sogar der dominierende Stadtentwicklungspfad in Polen sein. Prognosen des Statistischen Hauptamts (Główny Urząd Statystyczny – GUS) in Warschau gehen für zahlreiche große Städte Polens von weiteren dramatischen Bevölkerungsverlusten bis 2035 aus, insbesondere für altindustrielle Städte wie Lodz oder Städte in Oberschlesien, jedoch werden ebenso für das boomende Posen weitere deutliche Verluste angenommen. Dies wird mittelfristig zu einschneidenden Konsequenzen für die lokalen Wohnungs- und Arbeitsmärkte, die Auslastung der städtischen Infrastruktur, die kommunalen Haushalte und öffentliche wie private Investitionen führen. Danzig, Krakau oder Breslau sollen mehr oder weniger stabil bleiben, Warschau dagegen soll weiter wachsen.

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Wie bereits erwähnt, setzte die Stadtschrumpfung in Polen nicht erst mit dem Niedergang des Staatssozialismus nach 1989 ein. Die Verluste in altindustriellen Städten der 1970er und 1980er Jahre sind vor allem im Zusammenhang mit der Stagnation in der Textil- und Schwerindustrie bzw. im Bergbau zu sehen, welche in den genannten Städten dominierten. Gleichzeitig sanken in Polen auch bereits in den 1980er Jahren die Geburtenraten, was ebenso die Verlangsamung des Zuwachses vor allem an städtischer Bevölkerung mit sich brachte. Schließlich trug auch der bereits erwähnte Rückgang der Land-Stadt-Wanderung in den 1980er Jahren dazu bei, dass die Einwohnerzahlen der Städte immer mehr stagnierten. Für den Zeitraum nach 1989, also die Phase der starken Schrumpfung, lassen sich vor allem folgende Ursachenkomplexe für Bevölkerungsverluste der Städte identifizieren:

  • (berufsbedingte) Abwanderung aufgrund wirtschaftlichen Niedergangs (inklusive interregionaler Stadt-Land-Wanderung und Auswanderung),
  • (Wohn-)Suburbanisierung und Sterbeüberschuss im Zuge des demographischen Wandels.

  • Vom erstgenannten Ursachenkomplex sind vor allem Industriestädte betroffen. Im Zusammenhang damit steht auch die nach 1990 einsetzende Rückwanderung vieler Industriebeschäftigter in ihre Heimatregionen, nachdem sie ihren Arbeitsplatz verloren hatten. Sinnbild dafür wurden in den Ballungsräumen leerstehende Arbeiterhotels. Diese Abwanderung verhinderte teilweise ein weiteres Ansteigen der Arbeitslosenzahlen in den betroffenen Städten. Aber die statistischen Daten geben kaum ein vollständiges Bild der Abwanderung wider. So melden sich zahlreiche Abwandernde nicht ab und werden noch in den städtischen Registern geführt, obwohl sie längst nicht mehr in der entsprechenden Stadt wohnen. Das gilt auch für die saisonal oder mehrjährig im Ausland Tätigen. Besonders betroffen von berufsorientierter Abwanderung sind Städte wie Kattowitz, Lodz und Beuthen. Im Allgemeinen findet Arbeitsmigration ins europäische Ausland aber beinahe aus jeder polnischen Stadt sowie ebenso aus ländlichen Regionen statt. Seit der Jahrtausendwende nimmt auch die Bedeutung der (Wohn-)Suburbanisierung in den urbanen Regionen stetig zu. War sie in den 1990er Jahren noch nicht sehr stark ausgeprägt, kann man sie heute als einen der dominieren Entwicklungstrends der Siedlungsentwicklung in Polen bezeichnen. Vor allem große, wirtschaftlich erfolgreiche oder Dienstleitungszentren und Universitätsstädte wie Posen, Krakau oder Danzig, sind mittlerweile wahrnehmbar von »Speckgürteln« umgeben, wobei die Kernstadt Einwohner verliert, die ins Umland abwandern (siehe Tabelle 1). Aber auch in den wirtschaftlich problematischen Regionen findet eine Suburbanisierung statt. Oft entwickeln sich in den landschaftlich reizvollen und/oder verkehrstechnisch oder infrastrukturell gut entwickelten Umlandgemeinden sowohl Einfamilienhaussiedlungen als auch mehrgeschossige Wohnungskomplexe. Häufig wird auch in den realsozialistischen Großwohnsiedlungen am Stadtrand weiter verdichtet. So ist es in Polen trotz der Schrumpfung kein Widerspruch, dass nach wie vor Wohnraum gebaut und – aufgrund des weiterhin bestehenden Wohnungsmangels – auch noch immer gebraucht wird, selbst in Städten wie Lodz, die seit 1990 weit mehr als 100.000 Einwohner verloren haben. Die jüngste Immobilien- und Finanzkrisen haben jedoch dazu geführt, dass man mittlerweile von einem geringeren Bedarf vor allem an größeren (suburbanen) Wohnungen ausgeht. Die Bedeutung des demographischen Wandels als Ursache für Stadtschrumpfung nimmt in Polen, ganz ähnlich wie auch in Deutschland, immer stärker zu. Hier gerät die Alterung der Bevölkerung zunehmend in den Fokus. Interessant ist, dass aber gerade die städtische Dimension des demographischen Wandels bislang unter polnischen Demographen unbeachtet geblieben ist, wohingegen sozialpolitische, wirtschaftliche und fiskalische Folgen durchaus diskutiert werden. Bis in die jüngste Vergangenheit zählten fast alle postsozialistischen Länder zur Gruppe der Staaten mit einer sehr niedrigen durchschnittlichen Kinderzahl pro Frau (1,3 und weniger). Diese steht in engem Zusammenhang mit den Auswirkungen der Transformation, jedoch ist sie ebenso Ausdruck langfristiger Veränderungen demographischer und sozialer Verhaltensmuster in den betreffenden Gesellschaften. Zusammen mit dem Anstieg der Lebenserwartung führt sie zu einer kontinuierlichen Alterung der Bevölkerung, die nicht allein quantitative, sondern vor allem qualitative Folgen für die städtische Gesellschaft haben wird. Daran ändert auch der jüngste Anstieg der Geburtenzahlen in Polen nichts, ist dieser doch mit einem gestiegenen Anteil von Erstgeburten durch Mütter im höheren Lebensalter zu erklären. Der alterungsbedingten Schrumpfung wirkt der bislang anhaltende, generelle Trend zur Haushaltsverkleinerung entgegen. Er ist für den städtischen Kontext, wo Haushalte und nicht Individuen die entscheidenden Nachfrager zumindest auf dem Wohnungsmarkt sind, von großer Bedeutung. Allerdings wird er, wie auch in anderen europäischen Ländern, in absehbarer Zeit zu einem Ende kommen. Im Folgenden soll anhand von Beispielen aus der aktuellen Forschung auf die unterschiedlichen Facetten und Auswirkungen der Stadtschrumpfung in Polen eingegangen werden; anschließend werden der planerische und politische Umgang mit Schrumpfung durch städtische Akteure thematisiert.

    Ein aktuelles Forschungsprojekt im 7. Rahmenprogramm der Europäischen Union (»Shrink Smart«, Details dazu siehe unten) widmet sich der Untersuchung von Steuerungsfragen in schrumpfenden Städten und Stadtregionen quer durch Europa. In diesem Zusammenhang wurde erstmalig auch Schrumpfung in oberschlesischen Städten im Detail untersucht, vor allem in Sosnowiec im Dombrowaer Kohlebecken (Zagłębie Dąbrowskie) sowie in Beuthen in Oberschlesien (Górny Śląsk). Das oberschlesische Industrierevier war bereits punktuell vor 1989 von Schrumpfung betroffen. So ging die Einwohnerzahl von Beuthen bereits in den späten 1980er Jahren, in Zabrze bereits seit 1977 immer wieder zurück. Seit der politischen Wende unterliegen mehr oder weniger alle Städte der Agglomeration kontinuierlich der Schrumpfung. Hatte sie 1990 noch 3,1 Millionen Einwohner, waren es 2007 nur noch 2 Millionen – ein Rückgang um immerhin ein Drittel. Selbst Kattowitz als Wirtschafts-, Kultur- und Bildungszentrum Oberschlesiens weist seit 1992 zurückgehende Einwohnerzahlen auf und zählt sogar zu den polnischen Großstädten, die am schnellsten und stärksten schrumpfen – da die Stadt jedoch wirtschaftlich erfolgreich ist und die Arbeitslosigkeit verhältnismäßig niedrig, wird diese Tatsache kaum wahrgenommen und schon gar nicht problematisiert. In der Zeit des Realsozialismus waren sowohl Sosnowiec als auch Beuthen bedeutende Industriezentren und in den regionalen Produktionszusammenhang des oberschlesischen Industriereviers eingebunden – während jedoch Sosnowiec erst zur Großstadt entwickelt wurde, sah sich Beuthen mit einem langsamen, aber stetigen Abstieg und zunehmendem Verfall der Stadt und ihrer wirtschaftlichen Basis konfrontiert. Nach 1989 schrumpften beide Städte aus ähnlichen Gründen: aufgrund wirtschaftlichen Strukturwandels, Arbeitsplatzverlusten und daraus resultierender Abwanderung sowie (zunehmend) aufgrund niedriger Geburtenraten und fortschreitender Alterung. Unterschiede bestehen vor allem in der Dynamik, das heißt im zeitlichen Verlauf der Schrumpfung: Während Beuthen bereits vor 1990 stagnierte oder leicht schrumpfte, erlebte Sosnowiec die drastischsten Einschnitte aufgrund der Schließung von Steinkohlezechen, Stahlwerken und Kokereien in den 1990er Jahren, um sich nach der Jahrtausendwende zwar nicht demographisch, aber wirtschaftlich wieder etwas zu erholen. Zählte die Stadt im Jahr 1990 259.000 Einwohner, so reduzierte sich dies bis 2009 auf 219.300. Beuthen hingegen begann seinen wirtschaftlichen Abstieg erst später, dafür rutschte die Stadt im letzten Jahrzehnt immer stärker in die Krise und ist heute trauriges Sinnbild für den Niedergang der Kohle- und Stahlregion Oberschlesien. Sie hat mit einem schlechten Image zu kämpfen, was vermutlich noch zusätzlich dafür sorgt, dass der Bevölkerungsabfluss auf hohem Niveau bleibt: Beuthen hat von 1990 bis 2009 fast 50.000 Einwohner verloren, gegenüber der Einwohnerzahl von 1990 sind dies 21 %. Das ist eine der höchsten Raten polnischer Großstädte. Das Hauptproblem der Stadt ist doppelter Natur, wie es der derzeitige Bürgermeister bei einem Experten-Workshop im Herbst 2010 an der Schlesischen Universität Kattowitz (Uniwersytet Śląski w Katowicach) in Sosnowiec ausdrückte: Die Stadt verliere einerseits an Einwohnern und sei andererseits auch nicht in der Lage, neue Einwohner anzuziehen. Die Schrumpfung zieht eine Reihe von Konsequenzen für beide Städte nach sich. Die selektive Abwanderung führt zu schnellerer Alterung und einer Verzerrung der Altersstruktur der verbleibenden Einwohner. Es erhöht sich die Gefahr, dass zunehmend Arme bleiben und gut ausgebildete Bevölkerungsgruppen verstärkt abwandern (brain drain). Infolge des Niedergangs der Kohle- und Stahlindustrie sowie der Schließung zahlreicher Zechen und Werke bzw. Zuliefererbetriebe ist die Arbeitslosigkeit, vor allem auch die Langzeitarbeitslosigkeit, enorm gestiegen, was eine zunehmende Verarmung bedingt – und dies in einer Region, wo früher die Bergarbeiter vergleichsweise gut verdienten und ein hohes Ansehen genossen. Der Bevölkerungsrückgang führt natürlich auch zu einer sinkenden Nachfrage und Nutzung der öffentlichen Infrastruktur wie öffentliche Verkehrsmittel, Schulen etc. Insbesondere in Beuthen wurden in den letzten Jahren zahlreiche Schulen geschlossen und Straßenbahnlinien stillgelegt. Auf dem Wohnungsmarkt hat der Bevölkerungsverlust noch kaum zu Leerstand geführt, ein Phänomen, welches aus ostdeutschen Schrumpfungsstädten bekannt ist. Das ist vor allem auf die nach wie vor bestehende Wohnungsknappheit in Polen zurückzuführen, denn auch nach 1990 wurde der Bau neuer Wohnungen durch den Staat drastisch reduziert und bedient der Privatsektor nur die oberen Bedarfssegmente. Gerade in Städten wie Beuthen mit einem hohen Anteil an Altbaubestand ist der fortschreitende Verfall der Bausubstanz ein großes Problem, worauf im Folgenden noch genauer eingegangen wird. Jedoch: Auch wenn es heute noch keinen nennenswerten Leerstand gibt, der sich auf fehlende Nachfrage zurückführen ließe, so steht er eventuell für einige weniger attraktive Viertel bevor, lässt sich doch eine zunehmende Entdichtung des Wohnens seit 1990 feststellen. Ein großes Problem stellen für beide Städte die Brachflächen dar, die in großer Zahl infolge der Schließung vieler Industriestätten entstanden und oftmals hoch kontaminiert sind. Schließlich steht der geschilderten Lage, die eigentlich zusätzliche Finanzen angesichts der mannigfaltigen Probleme erfordern würde, in beiden Städten ein klammer Haushalt gegenüber, der die lokalen Akteure in ihrem Handeln stark einengt.

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    Sosnowiec wurde nach 1990 dramatisch vom wirtschaftlichen Niedergang getroffen. Innerhalb weniger Jahre verlor die Stadt einen großen Teil ihrer industriellen Basis, tausende Arbeitsplätze gingen verloren und die Arbeitslosigkeit erreichte Rekordwerte (die Gesamtzahl der Arbeitsplätze reduzierte sich von 1992 bis 2004 von 66.000 auf 46.000, die Arbeitslosigkeit stieg von 1992 bis 2002 von 12.700 auf 22.100). Im Stadtraum wurde diese Entwicklung sichtbar durch die Entstehung zahlreicher Brachen, sowohl in zentralen als auch in Randgebieten der Stadt. Für das Ende der 1990er Jahre gehen Schätzungen von 11 km2 Brachflächen in Sosnowiec aus, was ein sehr hoher Flächenanteil ist. In Beuthen waren es mit 12–13 km2 sogar noch mehr. Viele der Brachen waren schwer belastet und machten für eine Wiedernutzung zunächst eine Dekontaminierung notwendig. Der alte Gebäudebestand musste in vielen Fällen abgerissen werden. Sosnowiec konnte den Negativtrend jedoch ab Ende der 1990er Jahre stoppen. Dabei spielte die 1996 gebildete Sonderwirtschaftszone Kattowitz (Katowicka Strefa Specjalna Ekonomiczna – KSSE) eine große Rolle, innerhalb derer die beteiligten Kommunen Investitionsflächen zu günstigen Bedingungen zur Verfügung stellen können und somit Neuansiedlungen fördern. Sosnowiec konnte mithilfe der KSSE bis 2010 immerhin 14 neue Ansiedlungen auf seinem Territorium etablieren. Gleichzeitig wurden zahlreiche Brachflächen auf diese Weise erfolgreich wieder- oder umgenutzt (von 1995 bis 2010 waren es 27 Brachen). Damit ist Sosnowiec eine der erfolgreichsten Kommunen innerhalb der KSSE. Die Nachnutzungen der Brachen sind vielfältig und schließen Bereiche wie Wirtschaft/Technologie, Einkaufszentren, Grünflächen und Seen sowie auch Wohnungsneubau ein. Sie werden durch die Kommune geregelt, in Sosnowiec vor allem durch das starke Engagement des Bürgermeisters, und die interessierten Investoren, unterstützt durch KSSE. Oftmals werden auch die notwendige Basis-Infrastruktur wie Zufahrtstraßen zu den neu zu entwickelnden Flächen von der Kommune gebaut und finanziert. Sosnowiec hat für seine Zukunft die Vision eines modernen Hochschulstandorts mit dem Fokus auf Hochtechnologie und einem vielfältigen Produktions- und Dienstleistungssektor entwickelt – das Motto lautet »Sosnowiec verbindet« (Sosnowiec łączy). Tatsächlich ist die Arbeitslosigkeit in der Stadt gesunken; die lokalen Hochschuleinrichtungen werden ausgebaut. Dennoch muss sich Sosnowiec auch langfristig auf Bevölkerungsverluste einstellen – die demographische Alterung hat die Stadt auch weiter fest im Griff: So stieg der Altersindex, also das Verhältnis von einhundert 65-Jährigen und älter zu einhundert 15-Jährigen und jünger, zwischen 1990 und 2007 von 62 auf 110. Prognosen zufolge wird bis 2035 ein Rückgang der Bevölkerung auf 161.000 Einwohner stattfinden.

    Beuthen leidet bis heute unter einer ähnlichen Wirtschafts- und Arbeitsmarktkrise wie Sosnowiec bis vor etwa einem Jahrzehnt – die Beschäftigtenzahlen halbierten sich zwischen 1992 und 2008, und die Arbeitslosigkeit ist noch immer hoch. In Beuthen kommt mit Bezug auf die Auswirkungen von Schrumpfung und Niedergang ein weiteres Problem hinzu: Das bis 1945 zu Deutschland gehörende Beuthen besitzt einen hohen Anteil von Vorkriegsbauten in der inneren Stadt und hat einen fast kompletten Austausch der Bevölkerung nach 1945 erlebt. Der Baubestand unterlag einer systematischen Vernachlässigung sowie einem zunehmenden Verfall in den Jahrzehnten des Realsozialismus, nach 1990 hemmten ungeklärte Eigentumsfragen die Sanierung. Zu dieser fehlenden Investition in den Wohnbestand kamen Schäden infolge des Bergbaus hinzu, die immer mehr Gebäude unbewohnbar machten. So gab es bereits in den vergangenen Jahren einen wachsenden Leerstand in Beuthen – jedoch nicht, wie man aus ostdeutscher Perspektive vermuten könnte, aufgrund von Überangebot, sondern aufgrund der baulich bedingten Unbewohnbarkeit. Dies ist eine Tatsache, die sehr häufig den Leerstand und Abriss von Altbauten in polnischen Städten erklärt – etwa auch in Lodz, wo der Wohnungsbestand im Zentrum von 1988 bis 2002 durch Abrissmaßnahmen um 9 % abgenommen hatte. In Beuthen sind gegenwärtig etwa 1.100 kommunale und eine nicht bekannte Anzahl privater Wohnungen vom Leerstand betroffen; wegen Bergbauschäden mussten im letzten Jahr noch einmal rund 600 Personen im Stadtteil Karb ihre Wohnungen verlassen. In den innerstädtischen Bereichen mit hohem Leerstand und Verfall konzentrieren sich mittlerweile einkommensschwache Haushalte. Auch wenn offiziell nicht über Leerstand aufgrund von Überangebot diskutiert wird, so erwarten lokale Experten diesen doch für die nahe Zukunft vor allem für ungünstige Lagen – wie die innerstädtischen Altbaugebiete sowie einige peripher gelegene Bergarbeitersiedlungen, die nahe der Zechen und Werke liegen (z. B. im Stadtteil Bobrek). Die Stadt koordiniert zwar den Umgang mit den leeren Wohnungen und Gebäuden, ist jedoch aufgrund fehlender finanzieller Mittel und schwieriger Verhandlungen mit den privaten Eigentümern häufig kaum in der Lage, den Verfall aufzuhalten. Immer öfter bleibt nur noch der Notabriss eines Gebäudes; mitunter stürzen Häuser von selbst ein. Von staatlicher Seite gibt es keine finanziellen Mittel für die Sanierung oder Sicherung des gefährdeten Baubestands und auch die EU-Strukturfonds haben hierfür nichts vorgesehen. So beteiligt sich Beuthen zwar an stadtentwicklerischen Forschungsprojekten (etwa im Rahmen des EU-Programms URBACT), kann aber aktiv nichts tun, um seinen Baubestand zu retten, es sei denn, es fänden sich private Investoren, die die Gebäude erwerben und sanieren. Diese sind aufgrund des problematischen Images von Beuthen jedoch schwer zu finden. In den letzten Jahren ist in der Zivilgesellschaft zunehmend das Bewusstsein erwacht, dass die Situation nicht so weitergehen kann. Es haben sich Initiativen gebildet, die Beuthens Probleme dokumentieren wie das Internetportal www.ruiny-bytom.pl. Im Nachgang der oben erwähnten unbewohnbar gewordenen und vom Markt genommenen Wohnungen infolge von Bergbauschäden haben sich Bürgerforen gebildet, die unter anderem begonnen haben zu diskutieren, wie sich die Lage in Beuthen verbessern lässt – und welche neuen Perspektiven man für die Zukunft der Stadt und ihrer Bewohner entwickeln kann.

    Warum war Schrumpfung bislang kein Thema, nicht einmal in Regionen wie Oberschlesien, wo fast alle Kommunen mit Einwohnerschwund und wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen haben? Dafür gibt es viele Ursachen. Die mit der Transformation im Rahmen einer »nachholenden Modernisierung« verbundenen Wachstumserwartungen und der Rückzug staatlicher Akteure infolge einer Liberalisierung spielen dabei eine wesentliche Rolle. Stadtplanung dagegen spielt eine schwache Rolle und den Kommunen fehlen oft die finanziellen Mittel, um wirksam steuern zu können. So hängen viele Entwicklungen von den Interessen der Investoren und deren Investitionen ab. Suburbanisierung wird in diesem Zusammenhang, sogar von Wissenschaftlern, als »natürlicher Prozess« und logische Folge der gesellschaftlichen Liberalisierung bewertet und nicht als Problem für Flächennutzung, Steuerabgang für die Städte etc. gesehen. Das Geburtentief wird diskutiert, weniger jedoch stehen die Folgen dieser Entwicklungen mit Bezug auf städtische Wohnungsmärkte und Infrastruktur im Blickpunkt. Leerstand gibt es (noch) nicht, und die Stilllegung öffentlicher Infrastruktur wird eher im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Niedergang als mit generellen Bevölkerungsentwicklungen gesehen. In dieser Situation wäre eine fokussierte und effektive Steuerung der Entwicklung mehr denn je gefragt – jedoch ist eine moderne urbane governance, wie sie sich in Westeuropa in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, bislang weitgehend unbekannt. Gerade in der Agglomeration Oberschlesien, wo 16 Städte in großer Nähe liegen und teilweise ineinander übergehen, kollidiert derzeit der Kooperationsdruck mit dem Konkurrenzkampf zwischen den Städten. Einerseits wurden regionale Körperschaften wie der Verbund der Oberschlesischen Städte (Górnośląski Związek Metropolitalny – GZM), die KSSE oder ein gemeinsamer Verkehrsverbund geschaffen. Andererseits gibt es noch immer eine starre Hierarchisierung der Verwaltung sowie eine nur wenig entwickelte Tradition der »Kooperation auf Augenhöhe « zwischen Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Das Streben nach mehr Kooperation wird in diesem Rahmen auch oft als Schwäche einzelner Akteure gedeutet. In den letzten Jahren ist Schrumpfung in Sosnowiec, Beuthen und in Oberschlesien generell stärker in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Dazu haben auch die Initiativen des oben erwähnten internationalen Forschungsprojekts »Shrink Smart« seit 2009 beigetragen. Es fanden Workshops in Beuthen und Sosnowiec mit lokalen Vertretern aus Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft statt, beide Male in Anwesenheit der Bürgermeister, auf denen klar kommuniziert wurde, dass beide Städte ein Problem mit der Bevölkerungsentwicklung haben und die wirtschaftliche Situation entscheidend zur Abwanderung vor allem junger Menschen beigetragen hat. Im Mai 2011 kamen rund 80 Teilnehmer auf einem regionalen Treffen zum Thema »Schrumpfende Städte in Schlesien – Herausforderungen, Planung, Kooperation« in Sosnowiec zusammen. Schrumpfung als Thema wurde erstmals auch von lokalen und regionalen Medien in größerem Maße aufgegriffen – teilweise mit drastischen Schlagzeilen wie »Wir werden immer weniger. Schon ein ganzes Częstochowa (Tschenstochau) ist verschwunden« oder »Katowice: Der große Exodus hält an«. Vor diesem Hintergrund bleibt es zu hoffen, dass eine weitere Sensibilisierung der lokalen Entscheidungsträger für das Thema Schrumpfung erfolgen wird und – unter der Beteiligung möglichst vieler gesellschaftlicher Akteure – die damit verbundenen Herausforderungen für die Städte und ihre Bewohner offen, kontrovers und konstruktiv diskutiert werden.

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    Dr. Annegret Haase ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ, Department Stadt- und Umweltsoziologie, Leipzig. Arbeitsschwerpunkte: vergleichende Stadtentwicklung in Europa mit Schwerpunkt auf demographischen und sozialen Prozessen, urbane Schrumpfung und Governance, postsozialistische Transformation insbesondere in Polen und Ostmitteleuropa.

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    https://www.pol-int.org/de/salon/schrumpfung-als-herausforderung-fuer-polnische-grossstaedte-de